Donnerstag, 25. Juni 2009

Was bleibt...


"Ultimately the bond of all companionship, whether in marriage or in friendship, is communication." ~ Oscar Wilde


Solange wir uns erzählen, wird es uns geben. 
Ich komme immer mehr zu der Einsicht, dass eine jede Beziehung, und sei sie auch noch so berauschend und vielversprechend zu Beginn, ihren Zauber nur auf Dauer bewahren kann, wenn es gelingt, die Freude am Erzählen zu bewahren. 

Wir waren einmal ein Paar.
Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit in der wir schlaflose Nächte nebeneinander verbrachten - oder nein: vielmehr konnte ich nicht zur Ruhe kommen. Ich versuchte, mich nicht zu bewegen, denn ich brauchte seinen Arm unter meinem Kopf, seinen Atem in meinem Nacken und das Grummeln mit dem er sich meine Haare aus dem Gesicht wischte.

Was ist passiert, welche Unachtsamkeit nahm ihn mir? Und warum ist er trotzdem immer noch da?

Wir konnten uns nicht lassen. Treffen uns heimlich und verbringen die Stunden im Café, erzählen uns aus unserem Leben und rauchen viel zu viel. Wir plaudern darüber, welche schönen Dinge uns passiert sind, welche Bücher wir gerade lesen und welche Länder wir zusammen bereisen möchten. Meinen Mädchenjahren längst entwachsen fühle ich mich frei an seiner Seite, jeder Sonnenstrahl brennt auf der Haut und das Flatterhemdchen ist tief ausgeschnitten und fühlt sich luftig an.

Er. Mindestens einen Skandal älter als ich, erzählt mir Geschichten aus seinem Leben und gibt mir wohlklingende französische Spitznamen. Ich versuche mir vorzustellen, wie er aussah als er jung war. Mit der Zeit wachsen ihm immer mehr feine weiße Haare an seiner Schläfe und ich möchte jedes einzelne küssen. Wenn er so aufrecht vor dem Spiegel steht und sich geduldig seinen Bart stutzt, dann erscheint er mir wie ein armer Prinz, der sich allen Umständen zum Trotz seine Schönheit bewahren kann. Warum fühlen sich seine Hände weicher an als meine? Sein Zeigefinger mit dem gemein verbogenen Nagel: Wie konnte er sich so etwas zufügen - mit einem Hammer in der Hand kann ich ihn mir nicht vorstellen. Wenn ich ihn rieche, wird mir schwindelig und mein Bauch schmerzt vor Gier. Er ist schon lange nicht mehr jung und doch dringt aus ihm eine Frische, die mich betrunken macht.

Die Zicken und die Kletten, die Liebreizenden und die Verschlossenen - wie ein mächtiger Leuchtturm aus einer anderen Zeit zieht er die Frauen an. Sie sehnen sich nach seinem starken Licht und den verborgenen Schätzen, die sie an seinen Ufern vermuten. Auch mich hat er wie magisch an sein Land gezogen und ich durfte hineinblicken in die schwere Truhe gefüllt mit Gedanken und Geschichten. Ich will bleiben an diesem magischen Ort und erwische mich bei dem Wunsch, wieder die seine zu sein.

An seiner Seite fühle ich mich zierlich und weiblich, voller Elan und lebendig und doch werde ich müde mit jeder Stunde. Die öden Tage und Wochen an denen ich meine Arbeit erledige, in denen ich Tochter und Ehefrau bin und fleißig an der Fassade arbeite…. sie lösen sich in seiner Anwesenheit und ich spüre, wie müde ich doch bin, wie unendlich müde. Schlafen möchte ich in seinem Arm und mich endlich ausruhen. Doch muss ich jedes Mal wieder weg und heule im Auto, warte noch einen Moment vor seiner Tür… vielleicht kommt er ja raus und sagt: Möchtest Du noch einen Kaffee trinken? Möchtest Du bei mir bleiben? Er kommt nicht. Also flenne ich und mein Herz rast und ich kann es nicht fassen, wie ein schöner Tag so schnell und gemein von der Nacht gefressen wird. Ich starte den Wagen und fliege durch die Dunkelheit in mein kaltes Bett. Ich weine noch eine kleine Träne und schlafe ein.

Und plötzlich ist er wieder da: Sonnenstrahlen kitzeln meinen Nacken, seine Hand ruht auf meinem Po und er erzählt und erzählt…. und die Zeit rast mir davon mit jeder Geschichte. Wankend halte ich mich an seinem Arm fest und tippele durch die Straßen der Stadt.

Klick. Klack. Meine Stöckelschuhe wollen immer weiter, klicken und klacken munter über das Pflaster und wir reden und reden, lachen und sinnieren über das Leben und die Liebe. Der Blick schweift ab zu den Pärchen, die sich nicht verstecken müssen und dann will ich mit ihm fortgehen. Alles hinter mir lassen und verschwinden. Immer höher schlägt das Herz bei jeder Träumerei, zärtlich sind seine Worte und wir rauchen viel zu viel.

Wir erzählen unser Leben und halten uns an der Hand wie Schulkinder. Solange wir uns erzählen, wird es uns geben. 




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